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Schlaflos in New York - von Anita Erbe



Morgens 3:23 a.m.

Erster Tag in New York. Müde, klägliche Sonnenstrahlen mühen sich durch den grauen Morgenhimmel. Bin aufgestanden und habe aus dem Fenster geschaut. Erste Beobachtungen des Manhattaner Lebens. Langsam beginnt der Tag. Einige Passanten sind unterwegs, der morgendliche Lieferverkehr beginnt, zwei Männer schieben Karren über das Trottoir, auf denen braune Pappkartons mit Schnüren befestigt sind, die Stadt will versorgt sein. Noch sind die Straßen leer. An der Ampel wartet ein Taxi. Die Ampel schaltet von Don`t walk auf walk.



3:47 a.m.

Bin wieder im Bett. Es scheint mir noch zu früh die Stadt zu erobern. Vielleicht kann ich ja noch schlafen, versuche die Augen zu schließen. Es geht nicht. Ich bin müde und hellwach zugleich. Das Kingsize Bett hält nicht, was sein Name verspricht. Es ist viel zu kurz und wabbelig. Mit jeder Drehung habe ich das Gefühl ich sei auf dem Wasser. Um drei wachte ich auf und musste eine Tablette gegen Seekrankheit nehmen. Ich bin andauernd aufgewacht, wollte raus, doch es war immer zu früh.



4:18 a.m.

Jetzthöre ich schon die erste Unruhe im Hotel. Die Türen knallen, die Heizung knarrt. Es ist heiß und stickig. Suche die Wasserflasche, die ich am Abend zuvor im Deli von meinen ersten Dollars gekauft hatte. Der nette Verkäufer sprach mich gleich an, erzählte und fragte, dabei sprach er so schnell, dass ich zuerst nur wjajjjwadww verstand, doch dann ging es plötzlich. Ich muss jetzt aufstehen, kann nicht mehr rumliegen und warten, dass ich müde werde oder, dass David aufwacht, muss jetzt raus und die Stadt anschauen.



4:23 a.m.

Geduld, Anita! Stehe vor dem Fenster und beobachte David im Schlaf. Die Bettdecke, oder das, was sie hier Bettdecke nennen, ist ihm um den rechten Zeh gewickelt, der Rest liegt auf dem Boden. Er schläft noch immer, japsend, leidet unter dem Hotelmief. Draußen laufen jetzt mehr Menschen, ein Auto hupt einen Fußgänger an, die Leuchtreklame am Deli blinkt Welcome, we're open und die ersten Vögel ziehen zwitschernd in Richtung Central Park.



4:31 a.m.

Unendlich lange Minuten, die sich wie Gummi ziehen. Gehe wieder zum Fenster und mache mich mit seiner Bedienung vertraut. Aha, den Hebel nach innen ziehen und einrasten lassen, dann das Fenster nach oben schieben und den Hebel wieder nach außen drücken. Soweit die Theorie. Beim dritten Versuch hält das Fenster oben. Kaum ist es geöffnet dringt kalte Luft in den Raum. Ein Vogel piepst frech an meinem Fenster vorbei. Innerhalb von drei Minuten hat sich das Trottoir gefüllt. Auch die Anzahl der Autos ist beachtlich gestiegen. Mit den Autos kommt auch der Lärm in den Raum, und während ich noch verwundert bin, dass eben nur ein Taxi unterwegs war und die Straße jetzt schon wieder voll ist, hat die Ampel schon umgeschaltet, die Autos sind in Richtung Downtown losgebraust und jetzt ist die Straße wieder leer. Hier scheint alles sehr schnell zu gehen, scheinbar fixe Konstellationen verändern sich im Sekundentakt.



4:44 a.m.

David hat sich mit einem geschickten Schwung einmal um seine Achse gedreht, sich wie ein Pfannkuchen in der Pfanne gewendet und dabei die um seinen Zeh gehüllte Decke abgestreift. Jetzt sehe ich schon die ersten kleinen Grüppchen durch die Straßen laufen, Autos schleichen über die 7th Avenue.



4:49 a.m.

Ein UPS Wagen hält vor dem Hotel, ein Mann springt raus, trägt Pakete ins Haus, andere reißen Kartons klein. Eine Frau in moosgrüner Hoteluniform kommt angelaufen. Sie steckt sich im Gehen eine goldene Anstecknadel an, den Blick vorsichtig zwischen Trottoir, ihrer Jacke und dem Weg wechselnd. Ein Mann kommt ihr entgegen. Er fixiert eine Strechlimo, die neben ihm auf der Straße fährt und versucht vergeblich einen Blick durch die getönten Scheiben zu erlangen. Die Frau, immer noch mit ihrer Anstecknadel beschäftigt, kommt ihm entgegen. Die Limo entschwindet aus seiner Sicht in die 57th Street und er orientiert sich wieder auf dem Trottoir, sieht die Frau auf sich zukommen, tritt einen Schritt zur Seite. Als sie unbehelligt an ihm vorbeigeht, gelingt es ihr auch endlich die Anstecknadel zu schließen. Sie lächelt ihn stolz an die Nadeln endlich befestigt zu haben, unwissend der verhinderten Kollision: Hey Steve, how are you doing?, er antwortet mit einem Lächeln: I'm fine this morning, Anne, und beide gehen ihren Weg.



4:51 a.m.

Ermutigt von der sich steigernden Aktivität der Stadt, beschließe ich meinen Tag genau jetzt zu beginnen.



7:30 a.m.

Der Tag
Dunkelanzügige Geschäftsmänner laufen hektisch über die breiten Straßen, Handys klingeln. Dazwischen sind immer wieder gut gekleidete Geschäftsfrauen in Turnschuhen und Tennissocken, und ich bin für eine Weile der Meinung, dass dies nicht nur trés chic ist, sondern auch der sinnfälligste Ausdruck der Anpassung eines Individuums an seinen Lebensraum. In dieser Stadt muss es schnell gehen. Ein Bagel rechts, ein Cafe unterwegs, Handy links geht es zur Arbeit. Später muss ich feststellen, dass Koffein genauso zu dieser Stadt gehört wie Frank Sinatras New York, New York. Überhaupt klingt die Stadt in ihren verschiedenen Facetten nach Billy Joel und Eminem, nach George Gershwin und Michel Jackson, nach Jimmy Hendriks und nach Miles Davis.



7:56 a.m.

Für mich geht es weiter mit dem Bus. Eigentlich nicht wirklich das richtige Verkehrsmittel, um in der Stadt rum zu kommen, schneller wäre die Subway, aber dies ist bestimmt eine schöne Sightseeing Tour. Der Bus rast in einem Affenzahn durch die Straßen, sammelt die Leute auf, kurvt weiter. Der Busfahrer trällert musisch: Next stopp Rector Street, Ladies and Gentleman, wohl ein passionierter Opernsänger, dann schenkt er den Zusteigenden ein Grinsen. Der Fahrkartenentwerter saugt gierig das Ticket ein. Bless you, sagt eine ältere Dame, als sie sich auf den blauen Hartschalensitz fallen lässt.



8: 45 a.m.

Ground Zero. Ein Loch in der Erde, Betonfundamente. Bin enttäuscht über die Minimalität des Ground Zero und über die Baumaßnahmen. Es ist doch eine Wunde, denke ich, doch mein Gedanke ist kein amerikanischer. Vielleicht ist es sogar typisch deutsch, bei einem solch massiven Anschlag ganz abstrakt und gleichzeitig emotional von einer Wunde zu sprechen. Die Amerikaner sind anders. Sie sind pragmatischer, haben beschlossen, die Fläche so schnell wie möglich wieder zu bebauen, sich von den Terroristen nicht Kleinkriegen zu lassen, ihnen zu trotzen. Um die Baulücke sind Tafeln aufgestellt mit klein geschriebenen Namen. Wahrscheinlich zu viele, um sie in lesbarer Größe auf den Tafeln anzubringen. Es sind The Heroes of September 11th. Ich wundere mich über diese Terminologie. Helden? Tote! Ermordete! Opfer? Dann wird es mir klar. Die Formulierung macht den Status der Toten aus.



9:23 a.m.

Weiter zum Battery Park. Blick auf die Freiheitsstatur, die Grande Dame mit den Kupfersandalen. Das müssen riesige Füße sein. Ich bin aufgeregt, denn als Historikerin möchte ich wissen was die Flüchtlinge, die hier mit dem Schiff ankamen, empfunden haben. Glück, Freude oder Angst? Ich denke, es müsste etwas Großes und Überwältigendes gewesen sein. Auf Ellis Island kommt dann die ernüchternde Lektion. Typische Einwandererschicksale beginnen mit Quarantäne und der Kontrolle vor Krankheiten und auf Arbeitstauglichkeit, danach erst fällt die Entscheidung über eine Weiterleitung ins gelobte Land. Happy End oder Rückkehr, Freiheit oder Elend? Nicht immer verlief eine junge Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär.



10:17 a.m.

Unser Schiff schwappt zurück nach Manhattan, das erinnert mich wieder an das Hotelbett. So schlimm wie der Seegang hier war es dann aber doch nicht. Endlich runter von Kutter, rein in die putzmuntere Stadt. Wall Street, hohe Häuser und kleine alte Kirchen dazwischen. Wie ein Wunder haben sie den 11. September überlebt, während die angrenzenden Häuser erhebliche Beschädigungen aufweisen. Weiter den Broadway hoch, ein paar Blocks nur, also Tempo machen. Im Reiseführer stand ein Block wäre 80 Meter lang, oder sind es 180 oder 800? Alles erscheint fern und ist doch so dicht beieinander.



11:39 a.m.

Was ich sehe, ist viel mehr, als ich erwartet hatte. Der Broadway ist eine alte indianische Straße. Märkte, Menschen, Straßenschilder, Häuser mit Feuertreppen, das alles ist so anders und so schön, dass ich es fotografieren möchte, doch dann stelle ich fest, dass der Speicherchip der Digitalkamera bereits voll ist. Jedes Haus erscheint so, als hätte ich es schon einmal in einem Reiseführer gesehen. Weiß gar nicht, wie viele von diesen ich in Berlin gelesen habe, und im Flieger dachte ich noch, dass ich über die Stadt alles wüsste. Son Quatsch. Reiseführer sind Lehrbuchwissen, es ist mit Städtereisen nichts anderes, wie im Job: practise, practise, pracitise, nothing else counts.



12:00 a.m.

Auch so typisch, dass mein Magen nach alteuropäischer Zeit knurrt, also sechs Stunden vor geht. Essen in China Town, das war ein guter Tipp einer befreundeten Stewardess. Sie kam 1961 als 19-Jährige ohne einen Pfennig Geld nach New York, suchte eine Wohnung. Vom vierten Vermieter bekam sie ein Appartement. Sie zeigte ihm den Arbeitsvertrag und sagte, dass sie zwar noch nicht genug Geld habe, aber einen Vertrag der PanAm, und der brächte ihr ein sicheres Einkommen mit dem sie bald alle Kosten tragen könnte. Als sie mir die Geschichte erzählte, lachte sie über ihren Mut, den Willen und ihr Glück, dass dies möglich wurde. Ihre Konklusio war: Man muss es einfach versuchen. Mit Wille, Mut und Glück beginnt jede amerikanische Erfolgsstory.



1:06 p.m.

Broadway Ecke Canal Street drängeln sich die Touristenmassen. Ich werde geschubst und gedrückt und plötzlich sehe ich die Feuerwehr. In einem Schuhladen hatte es gebrannt. Hot Stuff, sagte einer der herumstehenden Leute. Die Feuerwehrmänner, das sind die wahren Helden des 11. September. Drei Löschzüge für einen kleinen Brand, beste Ausrüstung. Als sie mit einer Axt die hölzerne Fassade aufschlagen und ein mächtiger Wasserstrahl die kleine Flamme auslöscht, applaudieren die Zuschauer ihren Helden schließlich zu. Begeistert geht es weiter zum Washington Square. Der Enthusiasmus und die Freude der Stadt stecken mich an. In einer stillen Minute auf einer Parkbank, die Sonne scheint warm und der Himmel ist babyblau, bemerke ich, dass meine Uhr weg ist. Meine Swatch ist nicht im Rucksack und nicht in meiner Hosentasche, Fuck jetzt fluche ich auch schon auf Amerikanisch!



Irgendwann p.m.

Wieder zum Broadway, links, rechts, links, rechts, immer was zu sehen, ein Geschäft, links ein schönes Haus, rechts tanzt ein Typ zu Hip Hop Beats. Blumenläden mit exotischen Orchideen und kunstvoll gesteckten Rosensträußchen verzaubern die Passanten, ein neuer Hamburger wird beworben als newer, bigger, baconer, Werbung ohne Grammatik. Die Füße laufen automatisch, alles ist auf Kopf gestellt, unendliches rattern.
Es muss die Stadt sein. Ich lache und bekomme das Lachen von den Passanten zurück geschenkt. Vom vorsichtigen Grinsen, über ein verschmitzen Lächeln, bis zu einem herzhaften Gelächter und einem kessen Hey Lady ist alles dabei. Möchte mir das Lachen merken, in meinem Laptop speichern, damit ich sie nie vergesse, aber das werde ich nicht, niemals. Mit einem herzlichen Lachen kann man die Welt erobern!
Dann werde ich gebremst. Eine Hand, unsanft gegen meinen Bauch gedrückt, zwingt mich zum Stehen bleiben. Stop, your not at a marathon, sagt ein Mann, den ich anrempele, its the Big Apple. Verwirrt bleibe ich stehen, schaue hoch, wie so oft an diesem Tag. Vor mir das Flatiron Building, unglaublich schön, englisch für Bügeleisen, schon klar. Plättiron schmunzelt ein deutscher Tourist neben mir, sehr witzig.
Die 5th Avenue entlang, dem Empire State Building entgegen. Die Sonne knallt weiter, Spatzen sitzen in den Befestigungsrohren der im Wind schwingenden Ampeln, Autos warten grollend, dass die Ampel umschaltet, Fußgänger schlängeln sich zwischen den Autos vorbei. Bloß nicht stehen bleiben zwischen den Autos, es findet sich immer eine Lücke, irgendwie. Das Empire State Building ist eine Touristenfalle. Durch die beiden Drehtüren schieben sich Massen, die von einem schwarz gekleideten Sicherheitsmann freundlich begrüßt werden. Innen am Empfang das Art-Deco Emblem. Es zeigt das Antlitz des Hauses aus Metall und Strahlen, die von seinem Dach in alle Himmelsrichtungen zeigen. Darunter der glänzende Schriftzug Empire State Building. Art Deco ist wundervoll, so technisch und doch so verspielt. Es ist für mich der präziseste Ausdruck der Zeit, den eine Kunstrichtung je gefunden hat. Excuse me sagt eine Stimme, ich gehe einen Schritt zur Seite und öffne damit den Weg für einen Strom von neugiereigen Besuchern. Erinnere mich an den Film mit Tom Hanks und Meg Ryan, die sich als Liebende auf dem Empire State Building das erste Mal sehen. Erste Einstellung: Er geht ins Gebäude, am Concierge vorbei. Nächte Einstellung: Sie kommt rein, schaut auf das Bildnis, orientiert sich, rennt zu den Aufzügen. Dann der Kuss in der Höhe. Mensch, wie heißt der Film noch mal? Vor dem Nach-Oben-Gehen noch ein paar Fotos vom Speicher löschen. So betrachten David und ich noch während des ersten Tages des Urlaubs unsere Fotos mit überschwänglichen Aaaahs und Oooohs.
Auf einem Schaufenstersims sitzt eine Frau, blond, sie beobachtet uns und ich beobachte sie aus meinen Augenwinkeln, wie sie uns fixiert und grinst. Dann geht alles ganz schnell. Sie kommt auf uns zu: Are you germans? fragt sie. Yes, we are.

I'm from RTL! Kilometer weit weg von Berlin kommt das Fernsehen auf uns zu. David und ich sagen ja, wir kommen mit zu einem Dreh über Shopping in New York, was für ein Spaß. Im Auto wieder den Broadway zurück, die 34th, wieder Broadway, rechts, links, Houston Street, links, kein Hupen trotz Stau, bin überrascht wie das funktioniert, die Autofahrer teilen sich ganz friedlich die breiten Straßen mit den Taxen. Sie fahren ineinander, verzahnen sich Millimeter für Millimeter, dann doch hupen, wüste Beschimpfungen, die ich lieber nicht wiederhole, wunderbar. Sie kommen voran, irgendwie. Wenn man diese Verkehrsituation von einem Helikopter aufnimmt, würde es aussehen wie ein Wasserballett, das sich in immer wieder neue Spiralen und Verwirbelungen formiert. Prince Street, ein Sex-and-the-City-outlet-shop. Bin verwirrt, bin ich in NY oder im TV? Noch mal Prince Street, parken. Merken: Unbedingt mal Taxifahren!
Nach dem Dreh gibt es Eis mit Kirschen und Soße, typisch amerikanisch, njam!

Mit dem Auto zum Times Square, the most abgedrehtest Ort in der Stadt. Werbetafeln in alle Richtungen, blinkend, schillernd, ein übergroßes Plakat von Britney Speares überzieht ein Haus. Wer hier hängt, den kennt bald jeder. Der Broadway und die 7th Avenue teilen sich hier wie zwei Eisenbahngleise durch eine Weiche. Menschenmassen schauen, staunen, essen und hetzen nach Musicaltickets, der eine schiebt den anderen immer weiter. Entscheiden sich für Show oder Go.
In der Nacht lebt die Stadt ein zweites Mal und sie zeigt ihr anderes, funkelndes Gesicht. Bunte Lichter gleiten über die Autos, reflektieren sich in hochgeklappten Sonnenbrillen und in spiegelnden Fassaden. Die Passanten wirken in den grellen halogenen Lichtkegeln der Autoscheinwerfer überblendet, manchmal fahl und mit überzeichneten Konturen, wie ein Schauspieler, der gerade von der Bühne ins Publikum geht, ohne sein Make-up entfernt zu haben. Der Abend ist die Zeit für den Rollenwechsel. Wer eben noch agierte, lässt sich nun unterhalten und wer unterhält, für den beginnt jetzt der Arbeitstag. It's Showtime, das Nightlife beginnt.

42nd Street, Cinema, oder doch nicht, lieber Rent, The Lion King von Elton John oder in Abbamania verfallen und Mamma Mia anschauen, schon beim Gedanken daran bohrt sich ein wohliger Ohrwurm in meinen Gehörgang, ... here I go again... how can I resist you?

Einen Block weiter wird die David Letterman-Show aufgezeichnet, der Harald Schmidt der Amerikaner. Auf einem Skrawl steht in grünen Lettern: The fat one did it the last time, gemeint ist Pavarotti. Mit seinem heutigen letzten Konzert im Lincoln Center endet eine Ära. Was er jetzt wohl machen wird? Busfahren in New York?

Das aufregende an NY ist, dass man am Morgen nicht weiß, wie der Tag enden wird, es passiert einfach so viel.
Eine schmerzhafte Blase am Fuß stoppt meinen Elan. Was heißt eigentlich Blase auf englisch, bubble? Die Leute schieben mich weiter, hier bin ich nur ein Rad im Getriebe, kann nicht stehen bleiben. Meine Sauerländer Wanderschuhe scheuern, doch sie haben sich als zuverlässige Begleiter bewährt. Dabei habe ich mich am Flughafen noch über sie geärgert, weil ich sie drei Mal ausziehen musste, damit sie geröntgt werden konnten. Wanderschuhe unterm Röntgenschirm, absurd.

Auf dem weiteren Weg erscheint der Central Park nah und der Gedanke an ein paar Minuten in der grünen Lunge der Stadt motivieren zum Entspurt. Ein großer Truthahn, wahrscheinlich ein entflohener Thanks-Giving- Braten aus Texas versucht hier sein Glück. Der Park ist meine Chillout Zone für diesen Tag. Ein paar eifrige Eichhörnchen und gurrende Tauben picken gemächlich das Fast Food vom sandigen Boden.
Es ist bestimmt schon nach 9 p.m. Wir schleppen uns erschöpft ins Hotel.



Abend

Im Hotelzimmer fühle ich mich gut, habe das Gefühl alles gesehen zu haben, was die Reiseführer empfohlen hatten, als wäre die ganze Stadt nur an einer Straße angesiedelt, ja, als hätte ich sie an einem Tag bezwungen: stark, übermächtig, unbesiegbar. Das Gefühl täuscht, doch für den Moment ist es wunderbar. Ich lasse mich auf den Stuhl fallen, es ist Couchpotato-Time, greife nach der Fernbedienung und mache den Fernseher an. Mühe mich zu meinem Füßen und schnüre die Schuhe auf, werfe die durchgesumpfte Socke im hohen Bogen in den Müll. Die aufgeplatzte Blase pocht, auf englisch heißt sie blister, das macht sie nicht weniger schmerzhaft. Draußen höllischer Lärm von Autos und Touristen, im Hotel knallen die Türen. Der Schmerz, der Lärm, habe plötzlich das Gefühl, dass die Stadt mich bezwungen hat, den Fuß hat es jedenfalls erwischt. Dann finde ich auch meine Uhr. 22:41 p.m.?
Habe ich vielleicht mit der Uhr auch mein Zeitgefühl verloren?



22:59 p.m.

Nein, die Stadt hat nicht nur meinen Fuß, sie hat auch mich fertig gemacht. Totale Reizüberflutung. Öffne das Fenster. Wieder dauert es, bis es oben hält. Dann werfe ich mich aufs frisch gemachte Bett, atme tief durch und warte.



23:24 p.m.

Da ist Nichts, nur Stille im Raum.
Dann ein Geräusch durch das geöffnete Fenster, das ich zuerst nicht deuten kann. Ist das Meeresrauschen? Nein, das sind Halluzinationen, na bitte, NY für Hypochonder! Trotzdem schaue ich lieber noch mal, gehe zum Fenster, doch da ist kein Meer, nicht im Wandschrank und auch nicht in meinem Koffer. Ein Hörsturz, das wird es sein! Vor dem Fernseher ist es wieder da das Meeresrauschen. Die Stadt hat mich ganz schön geschafft, ohnmächtig treibe ich dahin, in meinen Gedanken schwappen sanfte Wellen an einen Sandstrand, der Klang von Aloa he trägt mich fort. Damen in grünen Palmenblattröckchen nehmen mich in ihren Kreis auf und tanzen mit mir den hawaianischen Hula-Tanz. Nach einer Weile löse ich mich aus der Gruppe, eine Muschel am Ohr, um den ewigen Ruf des Meeres zu hören. Eine feine weiße Prise Sand rieselt auf mein T-Shirt, David tippt mich an, fragt mich, was ich mit dem Schuh am Ohr machen würde. Dann wischt er den Sand von meinen Schultern. Hmmm... Es war alles nur eine Täuschung meines Unterbewusstseins? Ein Versuch meines Geistes wieder die Kontrolle über den Körper zu erlangen? David verschwindet wieder im Bad. Eilig mache ich den Fernseher aus, hoffe das Meer noch einmal zu hören, doch es ist weg. Statt dessen Lärm, kreischende Teenager auf dem Hotelgang, Autos hupen, die Polizei drängelt sich mit ihren quälenden Sirenen durch die überfüllte Straße, ein Auto stoppt abrupt, die Bremsen quietschen. Ich bin wieder da. Meine Beine wackeln, mein Verstand ist klar, wach und entspannt, bereit für meine nächste Tour durch die Stadt. Jetzt brauche ich keinen Schlaf mehr. Auf dem Weg in die nächtliche City fällt mir der Titel des Films mit Tom Hanks wieder ein. Es war Schlaflos in Seattle. Wieso eigentlich Seattle?
Ich bin lieber schlaflos in New York!