Berlin, mon Amour !
von Anita Erbe
Waldsassenerstraße.
Ich sitze im Bus. Es ist noch früh am Morgen. Hinter mir liegen Felder brach und vor mir erstreckt sich die Stadt. Berlin, mon amour.
Es ist noch ein bisschen dunkel und meine Augen werden schwer. Der Bus schlängelt sich durch schmale Straßen. Da stehen kleine Häuser mit Standart-Gärten, in denen Durchschnittsfamilien mit 2,7 Kindern und 1,5 Autos symbiotisch zusammen wohnen. Oh wie schön! Meine Augen fallen langsam zu. Das schaukeln schläfert mich ein. Der Bus fährt entlang an einem Park. Durch die offenen Spalten meiner Lider zieht sich das Grün. Wie ein Kaugummi wird es länger und länger und länger. Die Farben verschwimmen.
Lankwitz.
Berlin ist eben doch ein Dorf!
Es erscheint eine barocke Kirche, darum Straßen, ein stinknormaler Supermark, ein Schreibwarengeschäft, dann das Rathaus. Die Bürgersteige sind noch hochgeklappt. Hier bin ich groß geworden. Ich kenne die Straßen, die Häuser, die Bäume und die Menschen. Wenn man ein einfaches und anspruchsloses Leben führt, dann könnte man in dem kleinen Dorf alles finden, was man zum Leben benötigt. Aber, wer will schon anspruchslos sein in Zeiten der Egomanie.
Eine sehr alte Frau steigt ein, eine Kriegerwitwe, und verzieht ihr Gesicht. Leidensmimik. Sie setzt sich mir gegenüber, schaut mir ins Gesicht. In den Falten sitzt der Krieg, der Tod des geliebten Ehemannes und die Arbeitslosigkeit des Enkels. Ihre Knie zittern und ihre Hände umfassen die große Einkaufstasche so zärtlich, als wäre es ihr langersehnter Geliebter. Ein Bild der Angst. Ein Bild der Einsamkeit.
Ein Baby schreit, die Alten auf der linken Seite regen sich auf, tuscheln miteinander. So was, sagt sie, hätte es zu ihrer Zeit nicht gegeben. Natürlich nicht, denke ich, als sie in den Wehen lag, ist wahrscheinlich eine Bombe ins Nachbarhaus eingeschlagen. - Es gibt ja so viele Alte hier. Plötzlich tut sie mir leid. Was hatte sie für eine Jugend? Und was für ein tolles Leben muss ich aus ihrer Perspektive führen? Die junge Mutter nimmt ihr Baby, setzt sich und wiegt es.
Idylle...
Stille
Die Sonne geht langsam auf. Wir schaukeln der Sonne entgegen.
Innsbrucker Platz.
Der 187ger Bus ist ein Lumpensammler, sagt meine Mutter.
Wie man Trödel, der auf der Straße herumliegt, aufhebt, stehen die Menschen an der Bushaltestelle und warten darauf, dass der Bus sie einsammelt.
Lankwitz-Denke! Ich mag die Menschen im Bus.
Wir steuern auf Schöneberg zu.
Wenn man aus Lankwitz raus ist, sind auch die Alten raus. Dann sind die Menschen anders, aufgeschlossener und weltgewandter. Hier wird es voll. Multikulti entert den Bus. Leben für-, mit- und durcheinander. Leben durch Einander. Symbiose. Männer und Frauen, Kinder und Hunde, Dönerduft und Currywurst. Kulinarisch sind die kulturellen Sperren längst gefallen. Der Sieg des Gaumens wird fröhlich kauend zelebriert.
Und während ich noch so philosophiere, passiert das Unvermeidliche. Eine längst vergangene Freundin, eine Freundschaft, die an einem Tag erblühte und verdorrte, steigt ein. Sie sieht mich.
Zu spät! Setzt sich neben mich und beginnt lamentös auf mich einzureden. Was sie sagt, interessiert mich nicht die Bohne. Sie will mich beraten zur Rentenreform. Ich tue so, als würde ich verstehen.
Moment mal, will die mir jetzt im Bus `ne Versicherung aufschwatzen? Sie erzählt bla bla bla, in meinem Kopf spielt der Wiener Walzer:
dada dada dadadada... dada dada dadadada. Beschwingte Minuten. Sie sagt, dass sie nächste Station aussteigen müsse. Ich gucke sie an, das Kreisende im Kopf verschwindet abrupt.
Ach, sie ist noch da! Ich erzähle ihr, wie schade es wäre, dass wir so wenig Zeit zum Reden hätten und wir verabreden uns für irgendwann mal zu einer Pina Colada. Sie entschwindet. Beim Rausgehen droht sie mich anzurufen.
Merke: Handy wegschmeißen! Jetzt kann ich den Rhythmus nicht mehr finden, das
dada ist weg. Um mich rum lautes Gerede, das ich nicht verstehe. Es klingelt mal wieder ein Handy. Alle kramen in den Taschen.
Daß sich keiner seinen Klingelton merken kann!Ein türkisches Mädchen steigt ein, setzt sich neben mich. Sie trägt ein Kopftuch, kein Haar ist zu sehen. Durch ihre Brille sehe ich die Augen. Die Iris ist vergrößert durch die Brille und klar. Sie wirkt so lebendig, voller Neugierde. Intensiv schaut sie aus dem Fenster, fixiert ihren Blick auf ein Geschäft. Dort steht ein anderes Mädchen. Sie winken sich freudig zu. Freundinnen? In ihren Brillengläsern spiegelt sich die Silhouette der Stadt. Am Kleistpark steigt sie aus, rennt dem anderen Mädchen entgegen. Freundinnen!
Nollendorfplatz.
Am Nollendorfplatz angekommen, beobachte ich, wie ein Mann in Jeans und enganliegenden Glanzhemd am Bus vorbeispaziert! In der Hand hält er zwei Hundeleinen mit Dackel und Zwergpinscher. Jeder der Hunde trägt ein mit Strass besetztes Halsband. Unser neuer Bürgermeister würde sagen:
Er ist schwul... und das ist gut so!Von der Urania ist es nur ein Katzensprung zum Ku-Damm und ich sehe beim Abbiegen noch einmal auf das KaDeWe. Dabei muss ich immer an meine Oma denken. In ihrem Nachlass fand ich ein Foto von ihr als 19-jährige junge und schöne Frau. Auf dem Foto trug sie eine Stola aus Hermelin. Ich erinnere mich, dass sie die Stola gern im Winter um Hals legte und sich dann von den Nachbarn bewundern ließ. Der Kopf des Hermelin hatte eine geöffnete Schnauze und biss in das andere Ende der Stola, das aus dem Schwanz des Tieres bestand. So hielt sie zusammen. Das war Omas Humor. Als Kind fand ich das klasse. Und wenn sie mich ärgern wollte, dann nahm sie den Kopf des armen ausgestopften Tieres, streckte ihn mir plötzlich entgegen und machte
Wuff. Ich erschreckte mich jedes Mal.- Das Foto, das wurde 1929 im KaDeWe gemacht! Manchmal vermisse ich sie. Tief und Schwer. Ich gucke aus dem Fenster, verkneife mir die Tränen.
Meine kleine Oma. Der Bus tuckert weiter.
Regierungsviertel.
Der Bus befindet sich in der Anfahrt auf das Regierungsviertel. Die CDU-Zentrale in kühner Schiffsform, dann die Nordischen Botschaften in fjordkühlen Farben. Ich kann mich nicht satt sehen. Zur Rechten das Bauhausarchiv, das ich mir unbedingt noch mal angucken muss. Die Siegessäule erscheint, und Victoria blinzelt in die Sonne am blauen Himmel.
Der Himmel über Berlin!. Eine Frau setzt sich zu mir:
Entschuldigung, sie zuppelt ihre Jacke zurecht. Bestimmt eine Bonner Lehrerin, verheiratet mit einem wichtigen Bundesbeamten. Entschuldigung, sagt sie scheu,
fährt der Bus zum Hamburger Bahnhof? Nein, sage ich,
da müssen sie am besten mit dem 187ger Bus bis Paulstraße/Alt- Moabit weiterfahren und dann in den 245ger Umsteigen bis zum Lehrter Bahnhof, vor dort können sie laufen. Pause.
Was man in Berlin wirklich braucht ist ein Handy mit GPS, sage ich weiter. Sie lacht.
Sind Sie Berlinerin?, fragt sie.
Ja, antworte ich,
seit Generationen. Ich bin nett und lächle. Im Hinterkopf spielt sich folgende Szenerie ab: Als Ur- Berlinerin, nach dem Outing, wird man wie ein Affe im Zoo bestaunt. Kinder sagen:
Guck mal Papi, ne richtige Eingeborene. Uga Aga Uga. Uga Aga Uga.
Genug der Übertreibungen. Ich will ja, dass unsere neue
Besatzungsmacht aus Bonn sich hier wohlfühlt. Sie hat dann keine Fragen mehr, erzählt sichtlich gelöst, dass sie aus Bonn käme, Berlin verwirrend für sie sei und Bonn ja ehr übersichtlich sei.-
Berlin ist ein Dschungel!.
It`s up to you , es ist, wie es Franky besungen hat:
If you can make it there, you'll make it anywhere. It´s up to you...Der Bus biegt nach rechts ab.
Das Bundespräsidialamt sieht aber toll aus!. Leider sehe ich nicht viel davon, weil der Bus viel zu schnell daran vorbeifährt.
Eine Busfahrt ist eben keine Sight- Seeing- Tour. Welcher Architekt das wohl gemacht hat? Es ist aus schwarz-grün-schimmernden Granit und wirkt fast wie ein Bunker: tief, geschlossen und uneinnehmbar.
Prinzipien des Parlamentarismus in Stein. Demokratie at it`s best. Wie würde es wohl wirken, wenn man ein solches Gebäude aus Glas konstruierte, wie so vieles in Berlin? Ist es nicht faszinierend, wie man in Paris aus groben, nichtssagenden Stahl, filigrane, ionische Säulen oder Jugendstilträger formen konnte, und damit ganze Bahnhöfe baute? Wenn es noch mal Krieg gäbe, bräuchte man mit dem Besen nur die Scherben der Häuser aufzufegen. Die BSR käme, wie nach der Loveparade, mit großen Räumfahrzeugen und überdimensionale, rotierende Besen kehrten die Scherben zusammen, diese gingen zurück zum Hersteller und neue Glasscheiben für neue Fassaden würden recycelt. Sozusagen Stadtarchitektur aus Glasbruch.
Endstation.
Turmstraße.
Ich muss raus! Wenige Momente verbleiben bleiben mir für diesen Tag hier im Bus. Ein Blick in den Taschenspiegel:
Ich bin nicht eitel.
Quelle mit der Masse aus dem Bus an die frische Luft. Der Tag ist im Gange. Hektisches Treiben. Die Arbeit ruft, die Menschen folgen. Laufen an mir vorbei, von rechts, von links. Kreuz und Quer. Andere kommen mir entgegen. Rushhour. Ein Mann mit zwei Zähnen bittet um ein Mark. Ein Einkaufswagen wird mir in den Hacken gefahren. Ein Kind lächelt mich an. Ich atme ein.
Das ist Berlin und ich bin mitten drin.
Berlin, mon amour.